10. März 2011

Mein Artikel Von der Magie der Ziele” inspirierte die Unternehmenskommunikation ING-DiBa zu vertiefenden Fragen, die in Form eines Interviews in der Märzausgabe der Mitarbeiterzeitung 2011 von ING-DiBa veröffentlicht sind. Nachfolgend das Interview in der ungekürzten Originalfassung:

“Warum haben manche Menschen Ziele und andere nicht? Welche Gruppe ist erfolgreicher und warum?”

Die meisten Menschen haben Wünsche und Fantasien, die sich wie Wolken am Himmel aus dem Nichts formen, eine Zeit lang bestehen, davon treiben und sich auflösen. Befragt, ob sie sich Ziele gesetzt haben, antworten Vertreter der „Zielresistenten“ gerne, dass sie sich nicht in ein enges Korsett zwängen und sich ihre Spontaneität nicht nehmen lassen wollen. Die Haltung dieser Menschen ist eher eine abwartende und passive. Dahinter verbirgt sich meist eine Blockade mentaler Natur, die Psychologen gerne als das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit beschreiben. Angesichts der vielen unüberschaubaren Ereignisse und Veränderungen fühlen sich diese Menschen hilflos und ohnmächtig. Sie sind der Überzeugung, dass sie ohnehin nichts tun können, um ihre Lage zu verbessern bzw. positiv zu beeinflussen.
Neben der erlernten Hilflosigkeit ist es die in der menschlichen Natur verankerte Scheu vor Veränderungen, die sie davon abhält, die Komfortzone ihrer Gewohnheiten zu verlassen. Der Mensch hängt selbst am Schlechten und verharrt lieber in Situationen, die ihm nicht gut tun, als dass er sich aus der Komfortzone heraus auf unbekanntes Terrain wagt.
Menschen mit dieser Einstellung haben keine gute Erfolgsprognose. Sie nutzen ihr schöpferisches Potential nicht aus, verweigern sich vor den Aufgaben, die ihnen das Leben stellt und warten lieber darauf, dass ihnen irgend etwas zufällt und andere für sie aktiv werden. Da sie wenig säen, ernten sie auch wenig.
In der Minderheit sind Menschen, die sich konkrete Ziele z. B. für ihren Beruf, ihr Privatleben und ihre Gesundheit setzen. Gemeint sind schriftlich fixierte Ziele, die klar, spezifisch, messbar und an einen zeitlichen Rahmen gebunden sind. Menschen mit Zielen sind sich ihrer selbst bewusst, wissen was sie wollen und bekommen es deshalb meistens auch. Wer die Fähigkeit besitzt, sich Ziele zu setzen besitzt auch die Fähigkeit sie zu erreichen. Ein Ziel setzt schon bei seiner Bestimmung eine ganze Kaskade an positiven Kraftströmen in Gang, die das schöpferische Potential freilegen und die Energien in eine Richtung fokussieren. Das Resultat sind gewünschte Ergebnisse und keine Zufallsprodukte. Die Erfolgsprognose für Menschen mit einer zielorientierten Haltung fällt daher sehr günstig aus.

“Ist es aus psychologischer Sicht empfehlenswert sich realistische Ziele zu setzen oder eher ambitionierte Ziele?”

Die Mischung macht’s: Ein Ziel muss vor allem attraktiv sein. Attraktiv ist ein Ziel dann, wenn es stimmig ist, d. h. mit den eigenen Vorstellungen über Beruf, Privatleben, Körper und Gesundheit, materielle Werte sowie der Zukunft übereinstimmt. Je stimmiger ein Ziel, desto wahrscheinlicher wird es auch erreicht. Dies trifft auf realistische und ambitionierte Ziele gleichermaßen zu. Ambitionierte Ziele, also solche, die eine besonders große Herausforderung darstellen, sind wie Turbodünger für das Selbstwertgefühl. Was fordert, das fördert. Jeder kennt das erhebende Gefühl, wenn eine große Aufgabe wie z. B. das erfolgreiche Bestehen einer Prüfung gelöst und viele Hindernisse auf dem Weg dahin überwunden wurden. Die Frage ist also weniger, ob Ziele „realistisch oder ambitioniert“ sein sollten als viel mehr ob sie der eigenen Motivation entspringen oder nicht. Die Motivation spielt bei der Zielerreichung eine ganz wesentliche Rolle. Entspringt die Motivation den eigenen Bedürfnissen und Wertvorstellungen, dann steht die Energie für das Erreichen der Ziele frei zur Verfügung. Anders ist es, wenn Ziele von außen herangetragen werden und die Ziele möglicherweise nicht mit den eigenen Wertvorstellungen übereinstimmen, d. h. keinen Sinn machen sondern nur noch zweckmäßig sind.

Deshalb ist es z. B. bei der Vereinbarung von Mitarbeiterzielen so wichtig, dass Führungskräfte die Wertvorstellungen ihrer Mitarbeiter kennen, um neben zweckmäßigen Zielen für das Unternehmen wie „Umsatz“ und „Gewinn“ auch Ziele zu finden, die den individuellen Werten des Mitarbeiters wie der Wunsch nach „Entwicklung“, „Kreativität“ und „Vielfalt“ in der Arbeit gerecht werden.

“Verändert sich die Einstellung zu Zielen im Laufe des Lebens?”

Menschen mit zielorientierter Haltung bleiben zielorientiert, d. h. nicht die Haltung ändert sich, sondern die Zielinhalte. Die Entwicklung des Menschen beinhaltet Phasen des Gewinns und des Verlusts. Das Leben zu meistern heißt nicht nur sich etwas aufzubauen sondern auch etwas zu erhalten und Verluste auszugleichen. In jüngeren Jahren stehen persönliche Ziele im Vordergrund, die geprägt sind durch Investition von Zeit und Geld in den Erwerb und das Üben neuer Fähigkeiten, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen.
Die Zielinhalte älterer Menschen richten sich mehr darauf, ihr Funktionsniveau zu erhalten und Verluste zu kompensieren, indem sie bisher ungenutzte Fähigkeiten und Ressourcen aktivieren und sich externer Hilfsmittel bedienen bzw. die Unterstützung anderer Menschen in Anspruch nehmen. (In Anlehnung an Prof. Dr. Alexandra M. Freund, Universität Zürich, Lehrstuhl für Angewandte Psychologie: Life-Management)


“Sie sprechen von drei Arten von Zielen, warum sind alle drei wichtig?”

Damit sind gemeint: Kognitive Ziele (Wissen aneignen, Faktenlernen, Problemlösen), affektive Ziele (Einstellungen, Werthaltungen, Motivation) und psychomotorische Ziele (Umsetzen, Üben, Handeln, Fähigkeiten). Nehmen wir das Beispiel: Jemand möchte seine Englischkenntnisse aufpolieren. Die strategische Vorgehensweise wäre im Idealfall das systematische Aneignen von Vokabeln (kognitives Ziel), das Eintauchen in die englische Sprachwelt mit ihrer Klangfarbe und Eigenheiten (affektives Ziel) und das stete Üben der Sprache durch Konversation mit anderen wie z. B. mit Kollegen aus dem Ausland (psychomotorisch). Diese ganzheitliche Herangehensweise berücksichtigt alle Aspekte der notwendigen Veränderung auf dem Weg zum Ziel und erhöht deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel erreicht wird.

“Wenn man sich Ziele gesetzt hat, was kommt dann?”

So paradox es klingen mag, um ein Ziel zu erreichen muss man das Pferd von hinten aufzäumen, d. h. vom erwünschten Endzustand aus denken, fühlen und planen. Konkret beutet das, das erreichte Ziel als Skizze, Zeichnung, Mindmap etc. bildlich darzustellen und schriftlich festzuhalten. Auf diese Weise wird das Ziel sichtbar und auf eine höhere Ebene der Wirklichkeit angehoben. Zudem empfiehlt es sich, in regelmäßigen Abständen auf die dargestellten Ziele zu schauen und sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn das Ziel ereicht ist. Das Unbewusste reagiert auf Bilder und Gefühle besonders stark. Werden Ziele wiederholt visualisiert und imaginiert, sieht das Unterbewusstsein diese als Realität an und beginnt auf seine Weise mit der Zielumsetzung, so zuverlässig und sicher wie ein Autopilot ein Flugzeug zum gewünschten Flughafen navigiert.
Ansonsten ist es ratsam, große Ziele in kleine Etappenziele aufzuteilen. Dann stellt sich die Frage nach den Ressourcen, also wer und was kann mir helfen, was muss ich, müssen wir Neues lernen, an neuen Fähigkeiten hinzugewinnen, was muss man (los-) lassen, anders machen wie bisher, um ans Ziel zu kommen. Dann heißt es, sich Prioritäten zu setzen indem man die Frage stellt: Welche Aufgabe hat die größte Auswirkung auf die Zielerreichung und muss zuerst getan werden. All dies ist schriftlich und bildlich festzuhalten. Wenn der Plan steht, braucht es vor allen eines, nämlich Disziplin. Ob ein Ziel erreicht wird liegt übrigens laut Zielexperte Brian Tracy zu 80% an einem selbst und nur zu 20 % an äußeren Faktoren.


“Was haben die eigenen Werte mit den Zielen zu tun? Gilt das auch für die Unternehmenswerte?”

Wie schon gesagt, Ziele müssen stimmig sein, um zu „ziehen“. Wer sich seiner Werte bewusst ist, d. h. weiß, was für ihn wichtig und wesentlich ist, wonach er sein Handeln ausrichtet und was ihm am Herzen liegt, der weiß auch wo er steht und wofür. Klarheit über die eigenen Werte bringt automatisch Ziele hervor. Werteunklarheit führt hingegen zu Konfusion, im schlimmsten Fall verbunden mit Gefühlen der Sinnlosigkeit und der inneren Leere. Optimal ist es, wenn die Unternehmenswerte mit einem Großteil der eigenen Werte übereinstimmen. Denn das bedeutet, dass die Arbeit Sinn macht und deshalb gerne und mit guten Ergebnissen geleistet wird. Stimmen die Werte hingegen nicht überein, dann sind die Ziele nicht mehr sinnorientiert sondern nur noch zweckmäßig und die Ergebnisse sind meist nur noch mäßig.

“Was unterscheidet private von beruflichen Zielen?

Private Ziele beziehen sich auf die Befriedigung privater Bedürfnisse wie dem Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit, Liebe, Familie, Geselligkeit, Freundschaft etc. Berufliche Ziele beziehen sich auf die Befriedigung der Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung, Einfluss, Macht, Selbstverwirklichung und Sinnfindung.

“Welchen Stellenwert sollten Ziele in einem Unternehmen haben?”

Ich denke einen sehr großen. Ein Schiff ohne Ziel findet keinen Hafen. Wichtig ist, dass die Unternehmensziele von den Unternehmenswerten abgeleitet sind und diese konsequent auf allen Ebenen umgesetzt werden. Die Kunst besteht darin, materielle Werte wie z. B. Umsatz und Gewinn mit immateriellen Werten wie z. B. Rücksicht und Weiterbildung im Gleichgewicht zu halten. Bei der Umsetzung der Ziele ist darauf zu achten, dass die Ziele für die, die sie erreichen sollen, ein Sinnangebot darstellen und dass das Ergebnis von Nutzen ist.

“Welchen Einfluss hat die Zielsetzung eines Unternehmens auf die Identifikation mit diesem und auf die Motivation der Mitarbeiter?”

Ein Unternehmen, das sich werte- bzw. sinnorientiert ausrichtet und danach handelt bzw. Ziele setzt, schafft ein optimales Klima für die Mitarbeiteridentifikation. Denn die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Ziele des Unternehmens mit den Zielen der Mitarbeiter kompatibel sind. Außerdem üben solche Unternehmen eine starke Anziehungskraft auf Kunden und andere externe Bezugsgruppen des Unternehmens aus mit positivem Rückkopplungseffekt nach innen.

“Können Sie aus Ihrer Erfahrung ein Unternehmen nennen, das den Umgang mit Zielen sehr gut gemeistert hat?”

Den Idealzustand habe ich (noch) nicht kennen gelernt wohl aber die ernsthafte Bemühung um den richtigen Weg dahin. Die Kultur eines Unternehmens wird von Menschen geprägt. Ganz entscheidend dabei ist die Werthaltung der Führungsspitze und welchen Geist sie in das Unternehmen trägt. Danach richtet sich auch der Umgang mit Zielen. Eine gute „Zielkultur“ bedarf auch der Langfristigkeit. Wenn das Management alle zwei Jahre ausgetauscht wird und der Fokus bei Zielen auf Kurzfristigkeit gelegt wird, dann ist es schwierig, Mitabeitern den Sinn von Zielen zu vermitteln. Ziele gedeihen am besten in einem Klima des Vertrauens, der Wertschätzung und der langfristigen Perspektiven. Wer das zu vermitteln mag, ist mit seinen Zielen auf einem guten Weg.

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