Der Klinsmann-Effekt

Sonntag, 09. Juli 2006

Seit dieser WM ist das Vokabular des Mentaltrainings um ein Wort bereichert worden: nämlich um denKlinsmann-Effekt“. Dieser Klinsmann-Effekt zeichnet sich meines Erachtens durch drei Bewusstseins-Zustände aus:

  • 1. Selbstbewusstsein
  • 2. Sendungsbewusstsein
  • 3. Siegesbewusstsein

1. Selbstbewusstsein ausstrahlen

Die Spieler sind wahrlich als Gewinner aufgetreten und zwar so überzeugend, dass auch die größten Zweifler anfingen, an den ganz großen Sieg zu glauben.
Andere zu überzeugen, geht nur, wenn man von sich selbst überzeugt ist und sich seines Selbst bewusst ist, d.h. ein starkes Selbstbewusstsein hat. Wer sich selbst viel zutraut, dem werden auch andere viel zutrauen und der wird über sich selbst hinauswachsen.


2. Eine Vision haben

Sendungsbewusstsein hat etwas Charismatisches und das war es auch, was den Unterschied ausgemacht hat. Alle haben es gespürt: diese Elf wollte nicht nur für sich selbst etwas erreichen; sie wollte es für das ganze Land tun, sie wollte den Glauben an den deutschen Fußball zurückzubringen. Und sie hat durch ihr vorbildliches Verhalten in beeindruckender Weise zur Förderung der Kultur beigetragen. Die Szene, als Oliver Kahn Jens Lehmann auf die Schulter klopfte und ihm für das Elfmeter-Schießen Glück wünschte, wird wohl für immer in die Fußballgeschichte eingehen.

3. Den Sieg im Herzen tragen

Siegesbewusstsein ist die geistige Vorwegnahme eines erwünschten Zustandes: sich im Ziel sehen, mit dem Ziel verschmelzen, quasi schon fühlen, wie es ist, am Ziel zu sein und fest daran glauben, dass der Sieg unvermeidlich ist. Mit dieser Ausstrahlung hat uns die deutsche Elf infiziert: und so mancher Spieler hat im Verlauf der WM seinen ganz persönlichen Sieg davon getragen. Gerade diese persönlichen Siege waren so faszinierend. Es ist ein Verdienst dieser Elf, dass wir uns alle als Gewinner fühlen dürfen, obwohl wir nicht die Nummer 1 geworden sind. Deutschland hat in jedem Fall gewonnen – in den Augen der Welt und in den Herzen (nicht nur) der Fans.

Abgelegt unter: Allgemein, Mental Training — Dr. Brigitte Wolter @ 12:09

3 Kommentare »

  1. 1 | Nick Blume

    Kommentar — 9. Juli 2006 @ 18:27

    Wunderbar. Ich blogge auch gleich was dazu…

  2. 2 | Claus Fritzsche

    Kommentar — 10. Juli 2006 @ 12:59

    Hallo Frau Wolter,

    Ihrem Fazit stimme ich voll zu, würde den Aspekt „Den Sieg IM HERZEN TRAGEN“ vielleicht noch um die Dimension „AUTHENTISCH, MENSCHLICH UND HERZLICH SEIN“ ergänzen bzw. diese Punkte – welche in Ihren ja teils schon enthalten sind – stärker betonen.

    Klinsmann hat nicht nur an sich selbst, seine Strategie, seine Vision fest geglaubt, sondern er hat darüber hinaus die Menschen um sich herum fest in sein Herz eingeschlossen und trat dabei natürlich und authentisch auf … den herzerfrischenden „Rehsprung“ mit eingeschlossen. Das wirkt – gemeinsam mit dem Erfolg, dem schönen Spiel und dem Teamgeist der Mannschaft – irgendwie ansteckend.

    Nach dem verlorenen Spiel gegen Italien ging Klinsman zu jedem Spieler persönlich, um ihm Trost zu schenken und menschliche Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Diese Geste war, so mein Eindruck, keine aufgesetzte Pflichtübung. Das war Klinsmann persönlich. Der Trainer der Franzosen war im Gegenzug menschlich von seiner Mannschaft vollkommen isoliert.

    Und gerade diese authentische, kindlich natürliche Herzlichkeit und menschliche Verbundenheit (gepaart mit Stärke und Durchsetzungsfähigkeit) hat sich, so mein persönlicher Eindruck, auf sein Umfeld, auf ein ganzes Land übertragen.

    Es ist schon erstaunlich, wie gut sich dieser 3. Platz und die tolle Stimmung in einem ganzen Land anfühlt… :-)

    Herzliche Grüße

    Claus Fritzsche

  3. 3 | Dr. Brigitte Wolter

    Kommentar — 11. Juli 2006 @ 09:24

    Hallo, Herr Fritzsche,

    Danke für die Ergänzung – treffender hätte man es nicht sagen können.

    Herzlichen Gruß
    Brigitte Wolter

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