Firmenleitbilder: Alles Mode oder was?

Samstag, 29. April 2006

Leitbilder sind in Mode gekommen, kaum ein großes Unternehmen, das nicht mindestens ein kurzes sog. Mission Statement vorweisen kann. Die Frage ist, in wie weit werden diese Leitbilder gelebt und erfüllen sie wirklich ihren Zweck. Peter Fuchs äußerte sich dazu 2000 in der taz wie folgt:

…“überall verpasst man sich Leitbilder … Das ist nicht sonderlich tragisch, denn irgendwie muß man ja die Zeit hinschlachten, die dem Menschen gegeben ist, und was eignet sich besser dafür als das gemeinsame Erzeugen von Leitbildern, die bezeichnen, was man nicht ist, aber werden will? Es geht um Richtschnüre, Vor‑ und Maßgaben für Zukünftiges, um Ideale, Missionen, Messages, die zu verfertigen nicht allzu schädlich scheint, da die Bilder des Zukünftigen mangels Realitätskontaktes immer nur flach ausfallen können.” (Fuchs 2000)

Das klingt bitter, hat aber auch sechs Jahre später immer noch seine Berechtigung: In meiner Praxis als Management Coach erlebe ich es immer wieder, dass Führungskräfte mit dem Leitbild ihres Arbeitgebers nicht allzu viel anfangen können, geschweige denn, sich daran orientieren wollen oder können. Den Leitbildern wird oft mangelnder Realitätsbezug vorgeworfen, mit anderen Worten, sie werden nicht gelebt. Dieses Problem tritt besonders dann auf, wenn das Leitbild von oben angeordnet wurde, ohne dass zuvor eine umfangreiche Analyse der Organisation stattfand. Dann kann im Grunde nicht mehr als ein Lippenbekenntnis dabei herauskommen.

Andererseits ist aber auch erwiesen, dass Unternehmen mit Leitbild gegenüber solchen ohne Leitbild – über einen längeren Zeitraum betrachtet – eine höhere Wertschöpfung, höhere Kundenzufriedenheit und weniger Fluktuation aufweisen. So berichten Jim Collins und Jerry Porras in ihrem Buch „Immer erfolgreich“, dass die Marktwertsteigerung in Unternehmen mit Leitbild in einem Zeitraum von 50 Jahren sechsmal höher ist als die von Unternehmen ohne Leitbild. Bruce Pfau und Ira Kay (Buchtitel: Human Capital Edge) kommen zu dem Ergebnis, dass Unternehmen in denen Mitarbeiter das Leitbild kennen, verstehen und umsetzen einen um 29 % höheren ROI haben als ihre Mitbewerber. Und bei Hugh Davidson in „The Committed Enterprise“ ist schließlich nachzulesen, dass bei einem Unternehmen mit einem starken Leitbild die Kundenzufriedenheit um 16 % über dem Marktdurchschnitt und die Mitarbeiterfluktuation um 32 % unter dem Marktdurchschnitt liegt. Also doch gute Gründe, um über ein Leitbild nachzudenken?! ….

Quelle:
Fuchs, Peter, 2000: Gib mir ein Leitbild!, taz vom 04.01.2000
The Human Capital Edge von Bruce N. Pfau, Ira T. Kay, ISBN: 0071378839
Immer erfolgreich. Die Strategien der Top-Unternehmen von Jim Collins, Jerry Ⅰ. Porras, ISBN: 3421056501
The Committed Enterprise. Making Vision, Values, and Branding Work von Hugh Davidson, ISBN: 0750661992

PS: siehe auch Artikel:Integrierte Leitbildentwicklung bei psychophysik.com

Abgelegt unter: Für Sie gelesen — Dr. Brigitte Wolter @ 11:58

1 Kommentar »

  1. 1 | Jens Ortmann

    Kommentar — 16. Juni 2007 @ 17:45

    Hallo Frau Wolter,

    das ist ein sehr interessanter Beitrag von ihnen – haben sie den Artikel von Peter Fuchs aus der taz als Datei? Ich würde ihn gerne lesen und würde mich sehr freuen, wenn sie ihn mir zur Verfügung stellen könnten.

    Viele Grüße aus Bielefeld
    Jens Ortmann

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