Biotop Büro
Wussten Sie, dass derzeit etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland, also knapp 50 % aller Erwerbstätigen im Büro arbeiten? Im Jahr 2020 wird sich dieser Anteil voraussichtlich auf 75 % erhöhen. Laut Meinungsforschungsinstitut Gallup ist in den meisten Büros jedoch Frust angesagt. Der tägliche Intrigenkampf am Arbeitsplatz kommt die Wirtschaft teuer zu stehen. Von 70 Millionen Euro Schaden für die Volkswirtschaft ist die Rede, die allein auf das Konto der 19 % Büroarbeiter gehen, die ihren Job hassen.
Einen Großteil ihrer Arbeitsenergie investieren Mitarbeiter in den täglichen Kleinkrieg im Büro. Dabei treten viele Mitarbeiter voll Enthusiasmus und Motivation ihren neuen Job an. Der Honeymooneffekt dauert hingegen nur maximal anderthalb Jahre an, dann hat der Realitätscheck die Mitarbeiter eingeholt. Von ihrem Anfangsengagement haben sie etwa 25 % eingebüßt, denn ungünstiges Betriebsklima, strukturelle Probleme oder demotivierender Führungsstil sorgen zuverlässig für eine Abkühlung der einst so positiven Anfangserwartung.
Die erschreckende Bilanz: 20 % aller Mitarbeiter sind so frustriert, dass sie sogar aktiv das Unternehmen sabotieren. Weitere 67 % arbeiten nur noch Dienst nach Vorschrift. Insgesamt, so Gallup, addiert sich der Anteil an unproduktiven Mitarbeitern damit auf 87 % der Angestellten. Nur 13 % gehören wirklich zu denen, die als besonders produktiv im Sinne der Unternehmen eingeschätzt werden können. Das optimale Verhältnis von emotional gebundenen zu emotional ungebundenen Mitarbeitern sollte jedoch laut Gallup im Idealfall 4:1 betragen, damit ein Unternehmen den Weltklassestandard erfüllt.
Das Fraunhoferinstitut hat sich mit dem Forschungsprojekt Office 21 der Sache angenommen. Eine neue Bürokultur ohne eigenes Büro, mit Desksharing und Mitarbeitern, die ihre persönlichen Gegenstände im Caddy, einem verschließbaren Rollcontainer, mit sich führen, soll die Atmosphäre am Arbeitsplatz verbessern.
Ob das Heil in der Auflösung fester Bürostrukturen liegt, muss die Zukunft zeigen. Letztlich kommt es darauf an, wie Menschen am Arbeitsplatz miteinander umgehen, dass heißt vor allem miteinander kommunizieren. Das gilt auch für die schriftliche Information. Bei einer Befragung von 180 Führungskräften aus Deutschland, Großbritannien, Schweden und Dänemark kam das Henley Management Institut College, USA, zu dem Ergebnis, dass Manager im Durchschnitt dreieinhalb Jahre ihres Lebens mit unwichtigen E-Mails vergeuden. Der Informationsoverload geht nicht spurlos an den Betroffenen vorüber. Das Attention Deficit Trait , eine durch Hektik bedingte Konzentrationsschwäche, führt zu aggressivem und unproduktivem Verhalten.
Quelle: Rheinischer Merkur, Nr.44 / 2007: Biotop in Gefahr von Wolf Eismann
Unternehmen tun also gut daran, ihre Kommunikationskultur immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und nicht nachzulassen, alles zu tun, um diese zu optimieren.