Präsentismus: Wenn nur noch die Anwesenheit zählt
Während das „Krankfeiern“ bzw. der „blaue Montag“ bekannte Erscheinungen darstellen und in der Sprache der Personaler als Absentismus bezeichnet werden, zeichnet sich am Horizont unserer Arbeitskultur ein neues Phänomen mit umgekehrten Vorzeichen ab: die Rede ist vom Präsentismus, was soviel bedeutet, dass Mitarbeiter/innen unter allen Umständen am Arbeitsplatz präsent sein wollen, auch wenn sie krank und indisponiert sind.
Als Gründe dafür werden häufig Angst vor Arbeitsplatzverlust und gestiegene Eigenverantwortlichkeit der Arbeitnehmer angeben. Nun ist aber keinem Arbeitgeber damit gedient, dass Mitarbeiter sich krank zur Arbeit schleppen. Denn Anwesenheit allein bringt noch keine Leistung.
Im Gegenteil: Es schleichen sich Fehler bei der Arbeit ein, andere Mitarbeiter werden vielleicht angesteckt und insgesamt sinkt die Produktivität mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf das Betriebsergebnis.
Unternehmen, die bei Mitarbeitern Zeichen von Präsentismus entdecken, müssen sich fragen, ob ihre Unternehmenskultur ein solches Verhalten fördert buw. ob es sich um Einzelphänomene handelt, deren Ursache vielleicht in Fehlbesetzungen oder in mangelndem Vertrauen der Mitarbeiter zum Arbeitgeber zu suchen ist. Genaues Hinschauen ist ratsam, denn Präsentsimus kann ansteckend sein: Mitarbeiter orientieren sich an Kollegen und Vorgesetzten. Wenn es quasi zum guten Ton gehört, auch krank zur Arbeit zu kommen, um damit „Härte gegen sich selbst“ bzw. den „Respekt vor dem Arbeitgeber“ zu demonstrieren, kann dies der Anfang vom Ende einer mitarbeiterorientierten, leistungsfördernden Unternehmenskultur sein.
Ebenso wie Absentismus ist Präsentismus eine ernst zu nehmende Fehlhaltung, die auf jeden Fall auf den Prüfstand gehört. Der Fokus ist dabei nicht nur auf die Betroffenen selbst zu richten, sondern auch auf das Unternehmen als Ganzes. Wo gern und freudig gearbeitet wird, stimmt auch die Produktivität. Ein gutes, Vertrauen förderndes Betriebsklima ist daher immer noch die beste Prophylaxe gegen mangelnde Effektivität durch häufige Abwesenheit oder übertriebene Anwesenheitspflicht mit Selbstverleugnungscharakter.