Über die „Wiederbelebung frustrierter Mitarbeiter“ und was Unternehmenskultur damit zu tun hat
In der Wirtschaftswoche vom 16.06.2005 erschien ein Artikel mit der Überschrift „Heer der Untoten“, womit all diejenigen Arbeitnehmer/innen gemeint sind, die als extremste Form der Frustration innerlich gekündigt haben und nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Laut Meinungsforschungsinstitut Gallup traf dies auf jeden fünften Mitarbeiter zu! Und auch jüngere Umfragen bestätigen diesen Trend: 24 % der Deutschen arbeiten nur des Geldes wegen, wobei es bei unseren europäischen Nachbarn mit 23 % auch nicht viel besser aussieht (Umfrage der europäischen Jobbörse StepStone bei 9700 Besuchern in acht Ländern Europas, WELT KOMPAKT, 19.April 2006)
Diese Spezies Mitarbeiter ist gefürchtet wie keine andere, da sie die Produktivität lähmt und den betroffenen Unternehmen als auch der Wirtschaft im allgemeinen einen immensen Schaden zufügt. Nicht umsonst werden in Einstellungsinterviews weniger die fachlichen Kompetenzen beleuchtet als vielmehr die Persönlichkeit des Bewerbers unter die Lupe genommen. Besonderes Augenmerk wird dabei der Sozialen Kompetenz sowie der Passung von Unternehmenszielen und den persönlichen und beruflichen Zielen des Bewerbers geschenkt. Doch selbst aufwendige Testverfahren können nicht ausschließen, dass aus einem verheißungsvollen Neuzugang einmal ein frustrierter „Dienst-nach- Vorschrift-Mitarbeiter“ wird bzw. nur eine kurze Erfahrung, da der/die Betreffende das Unternehmen nach kurzer Zeit aus eigenem Antrieb verlässt. (Natürlich gibt es umgekehrt auch „Fehlbesetzungen“, von denen sich dann das Unternehmen trennt.)
Viele Unternehmen vergessen nämlich, dass nach der Einstellung auch für sie als Arbeitgeber eine Probezeit beginnt, in der die neuen Mitarbeiter sehr genau hinschauen, ob sie die Verhältnisse so vorfinden, wie sie ihnen beschrieben wurden und ob es wirklich für sie stimmt. Insbesondere High Potentials überlegen nicht lange und geraten sehr schnell wieder in Wechselstimmung, wenn ihre Erwartungen enttäuscht werden.
In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder, wie Menschen mit den besten fachlichen und persönlichen Voraussetzungen durch schlechtes Betriebsklima und unterentwickelte Führungskultur systematisch demotiviert und ausgebremst werden und mit ihrem Engagement an die Wand fahren. Die häufigsten Mängel werden in der Unternehmensführung sowie in der Organisationsstruktur gesehen, wobei die Gesamtproblematik sehr oft an der mangelnden sozialen Kompetenz und Kurzsichtigkeit einzelner Personen festgemacht wird. Natürlich sollte der/die so Enttäuschte auch den eigenen Anteil an der problematischen Situation reflektieren und für sich selbst herausfinden, wo u.a. eine Optimierung der eigenen Soft Skills für sich selbst und das Unternehmen Entwicklungsmöglichkeiten zum Besseren hin bieten.
Von Sam Walton, Wal-Mart, stammt das Zitat: It takes a week or two weeks for employees to start treating customers the same way the employer is treating the employee” (nachzulesen in “emotional branding” Marc Gobé, Allworth press New York, Seite 17). Die schönsten Leitbilder nutzen nichts, wenn die Führungskräfte in den Augen der Mitarbeiter keine Vorbilder sind. Denn im Zweifel orientieren sich Mitarbeiter an Vorbildern und nicht an Leitbildern. Die Soziale Kompetenz der Führungskräfte ist daher ein wesentlicher Schlüsselfaktor, wenn nicht der wichtigste, für die Unternehmenskultur.
Karl Pilsl, Wirtschaftsjournalist in den USA (www.wirtschaftsrevolution.de), sagt dazu: „Wer sich mit Menschen auskennt und diese erVOLLgREICH macht und zur Multiplikation führt, hat die besten Chancen auf eine erVOLLgREICHe Zukunft„. Er spricht in diesem Zusammenhang vom “Der sich multiplizierende Menschenspezialist“ wobei es u.a. darum geht, „Voraussetzungen für eine Atmosphäre für Wachstum und ein Treibhausklima für Spitzenleistungen zu schaffen“. Er sagt auch, dass „Führungskompetenz einer der größten Mängel in unserer Gesellschaft ist“ und dass, „wer sich zu einem wirklichen LEADER entwickelt und aufhört, die Menschen zu managen, die Attraktivität und Anziehungskraft um ein Vielfaches erhöht.“
Man stelle sich einmal das explosive Wachstum vor, wenn das Gros der Job-Zombies wieder ins Leben zurückgeholt würde und voller Eifer und Freude seiner Arbeit nachginge.
Wie viel Sinn würde dadurch neu entstehen und wie viel Kraft würde daraus für uns alle erwachsen? Wir haben bei der WM 2006 erlebt, wie durstig die Menschen nach etwas sind, wofür sie sich begeistern können.
Ich denke, dass ein ungeheures Potential in unserer Wirtschaft brach liegt, einfach deshalb, weil die Ressource Human Capital nicht richtig genutzt wird. Es kann auch nicht sein, dass viele junge Menschen, gleichsam die Hoffungsträger unserer Gesellschaft, ihre großen Hoffnungen auf Karriere und Perspektive und ihre Lebensträume nach wenigen Berufsjahren aufgrund schlechter Erfahrungen als Illusion begraben und ernüchtert konstatieren, dass diese Illusion die einzig wahre Realität im Berufsleben sei.
Nur in einer Unternehmenskultur, in der sich Führungskräfte als Multiplikatoren für andere verstehen und als Kulturstifter Wachstum und Entwicklung ermöglichen, können Menschen erfolgreich zusammenarbeiten. Im Grunde ist es so simpel.