Experteninterview
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Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski

Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski Bildquelle Pixabay

Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski

In der Coach-Gemeinschaft sind ungewöhnliche Karrieren keine Seltenheit. Doch ein Schauspieler, der auch Coach ist, zählt eher zu den Exoten in diesem Berufsfeld. Wie Marek Sarnowski zu seiner neuen Rolle „Coach“ kam und wie er diese Rolle sieht, erfahren Sie in nachfolgendem Interview.

Brandinvest Corporate Coaching: Herr Sarnowski, die Frage muss als erste kommen: Was bewegt einen langjährigen Schauspieler dazu, Coach zu werden?

Marek Sarnowski: Da gibt es mehrere Faktoren. Die Arbeit als Schauspieler ist hauptsächlich dadurch geprägt, sich andere Charaktere anzuverwandeln, was, wenn man in einem Theater engagiert ist, alle sechs, acht Wochen wieder aufs Neue eine psychologische Auseinandersetzung und teilweise auch Recherche mit diesen Charakteren erfordert. Man hat ja bei jeder Rolle immer nur den Rohtext und die Aufgabe, diesen vorgegebenen Text mit einer Persönlichkeit zu ummanteln, die den Zuschauer überzeugt und mitnimmt auf ihrem Weg durch das Stück. In dieser Rollenentwicklung stellen sich Fragen wie:


Was will die Figur? Wie bewegt sie sich? Wie sagt sie etwas? Aus welchem charakterlichen Background handelt sie?


Obwohl das natürlich eine Auseinandersetzung mit einer virtuellen Realität ist, ist es dennoch ein permanentes Hinterfragen von Charakteren, Psychen und Verhaltensmustern, die sich auch in die Realität übertragen lassen. Denn nichts anderes will Theater im besten Fall: nämlich, die Realität spiegeln und den Zuschauer zum Nachdenken anregen; mittlerweile geschieht dies leider immer seltener. Für mich ist das ein Faktor: Die substanzielle Lust, mich mit anderen Charakteren auseinanderzusetzen, aber jetzt nach dem Motto: Raus aus der virtuellen Realität, rein ins richtige Leben; also im Coaching die gleiche Auseinandersetzung zu betreiben und damit meinen Klienten Erkenntnisse, Klärungen und vielleicht auch Lösungen ihrer individuellen Situationen zu ermöglichen.

Gibt es noch andere Gründe weshalb Sie Coach geworden sind?

Marek Sarnowski: Weitere Faktoren sind die beruflichen Bedingungen, die eine große Herausforderung an einen Schauspieler stellen. Wir befinden uns dauerhaft in einem Bewertungsmodus, ob auf Proben, in Vorstellungen, in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung und zu guter Letzt bei den Kollegen, die nicht selten auch Konkurrenten sind. Wir bekommen unentwegt Feedback oder lesen in der Presse Kritiken, die nun auch nicht immer positiv sind.

Darüber hinaus bietet einem der Beruf wenig Sicherheiten; häufige Ortswechsel bedingt durch teilweise sehr kurz befristete Verträge, damit einhergehend Problematiken wie Entwurzelung, Fernbeziehungen, Leben aus dem Koffer und durch die Arbeitszeiten ein relativ sozialfeindliches Leben außerhalb des Theaters. Hinzu kommt die durchaus berechtigte Angst vor langfristiger Arbeitslosigkeit vor dem Hintergrund, dass im besten Falle 20% aller registrierten Schauspieler ein Engagement haben oder als freie Schauspieler im Bereich Film/ Fernsehen von diesem Beruf existieren können. Wenn man wie ich 25 Jahre in diesem Beruf tätig war, muss man sich eine Mentalität aneignen, die einen diese Umstände ignorieren lassen können. Ich konnte zum Glück immer von der Schauspielerei leben.

Ohne Idealismus und Leidenschaft ist dieser Beruf wohl nicht zu meistern?

Marek Sarnowski: Ja, es braucht eine große Portion an Zuversicht, ein dickes Fell und jederzeit einen Plan B oder sehr großes Glück, dass man von diesen berufsimmanenten Problematiken nie betroffen ist. Dieser Erfahrungsfundus fließt auch in meine Arbeit als Coach ein.


Als letztes geht es für einen Schauspieler natürlich um einen guten Auftritt. Wie verschaffe ich mir Präsenz, wie komme ich besser rüber und wie gehe ich mit dem Stress des öffentlichen Auftritts, also mit Lampenfieber um. Hier gibt es Methoden und Techniken, die ich auch in meine Arbeit als Coach einbringe.


Mit Mitte Vierzig habe ich mir die Frage gestellt, wie lange ich mich diesen Berufsbedingungen noch stellen will; ich selber hatte insgesamt 12 Jahre Fernbeziehung und habe auch nicht mehr so für diesen Beruf gebrannt, wie noch zehn Jahre vorher. Also stand ich an meinem eigenen Scheideweg und habe mich entschieden, eine Zäsur zu machen und einen neuen Weg einzuschlagen. Weil ich weiterhin mit Menschen arbeiten wollte, habe ich mich erstmal entschieden, eine Krankenpflegeausbildung zu machen, was ich aufgrund der bekannten schlechten Berufsbedingungen nach einem halben Jahr wieder beendet habe.

Das war sicher eine außergewöhnliche Erfahrung!

Marek Sarnowski: Das kann man sagen: Was ich allerdings als extrem positiv empfunden habe, war die Arbeit mit den Patienten. Ich habe dabei gemerkt, was man durch empathische Kommunikation bei Menschen bewirken kann. Das war für mich letztendlich die Initialzündung, meine Fähigkeiten und Erfahrungen in einen Topf zu werfen und als Coach zu arbeiten und habe daraufhin mit der Coaching-Ausbildung begonnen. Parallel dazu ergab sich für mich die Möglichkeit, als Schauspieldozent an der Schauspielschule in Mainz anzufangen, was auch eine Art des Coachings ist und mir seitdem großen Spaß macht.

Wer sich neu ausrichtet, muss auch etwas aufgeben. Was war das bei Ihnen und wie wirkt sich das aus?

Marek Sarnowski: Ich habe meinen ursprünglichen Beruf nicht voll und ganz aufgegeben, nur die Prioritäten völlig anders gesetzt.  Während meiner Ausbildungen (Krankenpflege und Coaching) habe ich wenn möglich noch Theater gespielt oder auch einen Fernsehdreh gehabt, aber auch Angebote  dafür abgesagt , was ich sonst nicht gemacht hätte. Prinzipiell ist es bei mir aber so, dass die Schauspielerei in den Hintergrund getreten ist und ich meine Energie darauf fokussiere, meine Selbstständigkeit als Coach aufzubauen, was ich als große Herausforderung sehe, der ich mich mit unglaublicher Freude stelle.


Außerdem hat mich mein Berufsleben gelehrt, keine Probleme damit zu haben, Dinge hinter mir zu lassen.


Abgesehen davon bleibe ich der Schauspielerei ja noch über meine Dozententätigkeit verbunden.

Sie gehen erstaunlich locker mit Veränderungen um. Sind Schauspieler grundsätzlich flexibler als andere Menschen?

Marek Sarnowski: Das kann man sicherlich nicht pauschal sagen. Der Beruf erfordert es zwar, was aber nicht bedeutet, dass auch jeder Schauspieler das „Flexibilitätsgen“ in sich trägt. Viele Schauspieler merken, wenn es nicht so gut für sie läuft, schon nach wenigen Berufsjahren, dass sie sich umorientieren müssen, weil Sicherheit und Konstanz fehlen. Andere, die sehr lange in einem Festengagement waren, fallen aus allen Wolken, wenn das Engagement endet und sie auf einmal vor dem Nichts stehen, obwohl man immer damit rechnen muss, dass es so kommt. Manche haben keinen Plan B in der Tasche, was immer problematisch ist, weil man nie mit einem Folgeengagement rechnen kann.

Ich denke jedoch, dass die meisten, die diesen Beruf ergreifen, wissen, worauf sie sich einlassen, und flexibler bei Orts-, Arbeitsplatzwechseln und in der Wahl der Betätigungsalternativen sind, als Menschen in anderen Berufsgruppen. Man geht dann auch mal jobben, also, die Statuslatte liegt da niedriger. Außerdem ist vorübergehende Arbeitslosigkeit bei Schauspielern nicht so ein Makel wie bei anderen Berufsgruppen. Da haben wir einfach ein anderes Jobprofil; wenn mein Typ gefragt ist, spielt es erstmal keine Rolle, wie lange ich ohne Engagement war. Deshalb heißt es bei uns auch nie arbeitsloser, sondern freier Schauspieler, also gibt es auch immer Hoffnung.

Was würden Sie z. B. Klienten sagen, die sich nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder bei Burn-Out schwertun, neue Wege zu gehen und ihr Leben neu auszurichten?

Marek Sarnowski: Wir sind ja mittlerweile alle relativ weit von unseren ursächlichen Bedürfnissen entfernt. Ich würde meinen Klienten anraten zu hinterfragen, was ihnen wirklich wichtig im Leben ist, abgesehen von dem Job und dem damit verbundenen Lebensstandard und Status. Muss das unbedingt um jeden Preis gewahrt werden, oder spielen andere Aspekte eine größere, substantiellere Rolle wie z.B. Privatleben, Familie, Freunde, aber auch Gesundheit?

Dann wäre da noch die Frage nach den Alternativen. Jede Krise birgt in sich die neue Chance. Es gibt eben nicht nur DEN EINEN JOB. Vielleicht ist der nächste sogar der bessere und warum sollte er nicht kommen. Außerdem hört ja nicht alles mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auf. Wir befinden uns doch in stetigem Fluss und haben jeden Grund, neugierig und zuversichtlich zu sein, wo es uns noch hintreibt.

Wie wichtig ist Ihnen das Thema Sinn-Findung für Ihre eigene Karriere bzw. für Ihr Leben? Welche Prioritäten setzen Sie?

Marek Sarnowski: Natürlich ist es wichtig, einen Beruf zu haben, der für einen selbst sinnhaft und inhaltlich erfüllend ist. Daraus ziehen wir unsere Motivation und bereiten uns die Basis erfolgreich zu sein, was uns wieder Sinn gibt. Das war bei mir der Fall, bis ich gemerkt habe, dass ich mich einerseits mental von meinem Beruf wegentwickelt habe; ich bin meiner Meinung nach  zu erwachsen dafür geworden. Andererseits sind mir andere Dinge, wie mein Privatleben, wichtiger geworden sind.

Der Sinn des Lebens ist für mich immer das Leben selbst und ich hatte am Ende, gerade im letzten Engagement beim Musical in Stuttgart mit Acht-Show-Wochen, jeden Samstag und Sonntag Doppelshow und mal wieder Fernbeziehung, das Gefühl, dass ich eigentlich an meinem Leben vorbeilebe. Dieses Gefühl hat letztendlich den Ausschlag gegeben, meine Prioritäten zu überdenken und diesen anderen Weg einzuschlagen.

Wieder mittelfristig in eine andere Stadt zu gehen, kommt für mich heute nicht mehr in Frage, was meine ursprünglichen Berufsmöglichkeiten gewaltig einschränkt, und mich ehrlich gesagt überhaupt nicht unglücklich macht, sondern eher befreit. Denn endlich kann ich da sein, wo ich wirklich sein will, und das ist sehr wertvoll und sinngebend.


Ich würde mich heute eher in meiner Heimat Wiesbaden im Supermarkt an die Kasse setzen, als irgendein Engagement in einer weiter entfernten Stadt anzunehmen.


Sie engagieren sich ja auch sehr für Gesundheitsprävention. Welche Bedeutung hat dieser Aspekt in Ihrem Leben und wie unterstützen Sie Klienten darin, gesünder zu leben?

Marek Sarnowski:  Ich habe ja eingangs verschwiegen, dass ich neben der Ausbildung zum Coach noch ein Fernstudium der Präventologie angefangen und als zertifizierter Gesundheitsberater abgeschlossen habe; übrigens zeitgleich mit der Coaching-Ausbildung. Gesundheit hat in meinem Leben einen mit den Jahren immer höheren Stellenwert bekommen. Spätestens als mir mein Orthopäde Anfang des Jahrzehnts eine Arthrose in beiden Knien diagnostizierte und mir zu künstlichen Gelenken riet- mit 40 Jahren. Ich habe mich daraufhin alternativ schlau gemacht und kam darüber auf ein Buch, welches die Arthrose-Therapie durch Ernährung zum Inhalt hatte, was sich als Glücksgriff herausstellte.

Ich habe sieben Jahre später noch immer meine eigenen Gelenke, mache teilweise lange Wanderungen und bin nahezu schmerzfrei. Diese Ernährungsumstellung hat übrigens ganzheitlich meine Gesundheit beeinflusst und mich inspiriert, mich substantieller mit gesundheitlichen Zusammenhängen zu beschäftigen; deshalb das Studium. Mein Fazit zu diesem Thema, das sich aber auch mit dem im Coaching deckt: ALLES IST MIT ALLEM VERBUNDEN. Und diesen Aspekt lasse ich auch bei Bedarf in meine Arbeit als Coach mit einfließen.

Auf den Punkt gebracht: Wie profitieren Ihre  Kunden von Ihrer Erfahrung als Schauspieler? 

Marek Sarnowski: Ich habe ja schon eingangs von den Faktoren berichtet, die den Schauspielerberuf prägen. Ich glaube, gerade die Auseinandersetzung und Gestaltung von Charakteren sensibilisiert auf die Kommunikationsmuster – Verhalten und Körpersprache – bei anderen Menschen. Als Schauspieler kann man hier proaktiver ansetzen, durch Techniken und Methoden, wie z.B. Rollenspiele, aber auch Atemtechniken oder Korrekturen in der Körpersprache. Hier kann das Coaching eher in ein Training übergehen.

Das Eintauchen in andere Charaktere begünstigt meiner Ansicht nach auch ein erlebtes Verstehen des Anderen- körperlich und geistig– und das immer wieder neu. Wir haben darüber hinaus auch die Möglichkeit, uns in die abstrusesten Charaktere einleben zu dürfen, was zusätzlich Horizonte öffnet und ein Geschenk dieses Berufes ist.


Aber auch der Umgang mit den Unwägbarkeiten und speziellen Charakteristiken unseres Berufes schafft einen Erfahrungsfundus, den man nicht in vielen anderen Berufsgruppen findet. Diese Unwägbarkeiten werden aber immer mehr ein Thema in unserer Gesellschaft.


Schließlich sind Sie ja auch Dozent für Schauspiel und bilden Schauspieler aus. Hat sich Ihre Art, Schauspiel zu lehren durch Ihre Coaching-Kompetenz verändert?

Marek Sarnowski: Wie gesagt: Schauspielunterricht ist irgendwie auch Coaching. Wenn sich meine Studenten mit der Umsetzung ihrer Rolle schwertun, was nichts Ungewöhnliches ist –Eintauchen in einen Charakter ist nicht so einfach – entstehen natürlich schnell mal Blockaden und Frustrationen. Und da merke ich, dass ich Gesprächstechniken aus dem Coaching gut einsetzen kann. Obwohl es ja eine Rolle ist, steht man trotzdem mit seiner Person dahinter, trägt seine Haut zu Markte und wenn es dann bei der Probe nicht so klappt, passiert es schon mal, dass Schauspieler an sich selbst und ihren Fähigkeiten zweifeln, besonders, wenn sie noch Studenten sind. Und da gilt es dann Aufbauarbeit und Support zu leisten, wo wir wieder beim Coaching sind.

Gibt es etwas, was Sie unbedingt noch erreichen wollen?

 Marek Sarnowski:  Menschen…

Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski

Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski

Schauspieler und Coach: Marek Sarnowski – Homepage

www.marek-sarnowski.de

 

Bildquelle Titelfoto: pixabay / PIRO4D Orlando • Heidelberg/Deutschland •

 

 

 

– Vielen Dank für eine kurze Erwähnung oder Weiterleitung dieses Beitrags!
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